Mein letztes E-Learning-Erlebnis

21. März 2009 | By | Category: Keine Kategorie

E-Learning-Angebote zu planen, gestalten, durchzudenken und umzusetzen ist mein Alltag. Für unsere Dozenten an der ZHAW erstellen wir die Kurse, Lernelemente, diskutieren Lernszenarien und versuchen, immer wieder neue Umsetzungswege zu finden. Meine Abteilung hat an der ganzen Hochschule die grösste Anzahl interner Kurse auf dem LMS und benutzt das System für beinahe jeden Zweck, für den es gerade noch geeignet ist: Von der Aufarbeitung von internen Wissensbeständen, also zu Zwecken aktiven Wissensmanagements, über Koordination von Arbeitsgruppen, des Kernteams mit virtuell arbeitenden Freelancern bis hin zur Einarbeitung neuer Mitarbeiter oder zur Sammlung und Präsentation von Applikationen für das Lehren und Lernen. Kurzum: Ich war der Meinung, mit E-Learning einigermassen alltäglichen Kontakt zu haben.

Dann kam die Anfrage von Jochen Robes, und ich musste erst einmal im Gedächtnis suchen, um E-Learning-Erfahrungen in der Lernerrolle zu finden. Die beruflichen Weiterbildungen dazu liegen schon wieder eine viel zu lange Weile zurück. Bin ich dann also selbst gar nicht mehr aktiv e-Lernender?

Mein erster Aha-Effekt auf diese Anfrage war dann, nach und nach in der Aufarbeitung meines alternden Gedächtnisses zu realisieren, welche meiner Lernsituationen so alle über das Web laufen. Ich wurde gewahr, dass diese Lernsituationen mindestens im Wochenrhythmus stattfinden. (Dabei beziehe ich mich nur auf solche Lernerlebnisse, die in einem sozialen Kontext, also nicht autodidaktisch stattfinden.) Diese sozialen Lernerlebnisse bestehen aus Meetings mit Kollegen landesweit, um Lernansätze, Methoden, Softwares usw. in virtual classrooms zu besprechen. (Danke an Andreas Röllinghoff von Switch, der dies alles möglich macht!) Sie bestehen aber auch in Intervisionsgruppen zu Fortbildungen oder in Coachings, die in Skype-Konferenzen stattfinden. Besuch von Webinaren und demnächst die Feedbackgespräche zu unserem Forschungsprojekt „Zukunft des Lernens“ mit Beate Bruns von Time4You zählen sicher auch dazu. Die Kollegen aus der Schweiz und den USA, mit denen ich regelmässig arbeite, laufen also alle über das Netz.

Wenn ich nun über alle diese Situationen schaue, dann ist es eine Vielzahl häufiger und wertvoller Lernerfahrungen, die ohne virtuelle Meetings und Formen netzgestützter Kommunikation und Kooperation gar nicht möglich wären. Aber sie sind in meiner Wahrnehmung unmittelbar nicht präsent gewesen, weil sie unterhalb meiner eigenen „Bildungsschwelle“ liegen: Sie sind in aller Regel nicht formalisiert, führen nicht zu formalen Qualifikationen und Abschlüssen – dienen aber alle unmittelbar dem Aufbau beruflicher Kompetenz. Und: Sie sind kurzfristig anberaumt, meist informell von der Kommunikation her, führen zu offenen und ungeplanten Austauschaktionen und Kontakten – und sind von kurzer Dauer.

Vielleicht, denke ich mir gerade, ist das ja auch ein Modell, das sich allgemein längst etabliert hat? Wir haben alle unzählige dieser Gelegenheiten, die wir gar nicht als Kompetenzbildung wahrnehmen, ohne die wir unseren Job aber oft zumindest nicht gleich effektiv erledigen könnten. Ich werde in meinem nächsten Master-Seminar für Personalentwickler diese Reflexion einmal aufgreifen und sehen, was die Kollegen aus der betrieblichen Bildung dazu für Erfahrungen haben und wie sie mit dieser „unterschwelligen Kompetenzbildung“ umgehen.

Ein zweites Aha-Erlebnis war die Reflexion einer Weiterbildung im letzten Frühjahr. (Die war auch nur 5x 3 Unterrichtsstunden lang und mir daher auch nicht unmittelbar präsent als „eigenes E-Learning-Erlebnis“.) An einem sehr renommierten Institut in den USA habe ich ein Thema vertieft, das auch in meiner eigenen Lehre eine Rolle spielt. Ich fand die Massnahme nicht einmal preisgünstig, aber Dozent und Thema gaben den Ausschlag.

Zu meinem grossen Erstaunen fand ich dann ein Lernszenario vor, das ich höchst unprofessionell fand. Technische und konzeptuelle Pannen wechselten sich ab und ich gewann den Eindruck, hier wird recht unreflektiert ehemals gut funktionierender Unterricht aus Präsenzgruppen (also classroom training) eins zu eins im Netz umgesetzt. Ich fand es irgendwie zwar pittoresk, einen Referenten via Webcam und Videostream 45 Minuten lang von hinten dabei zu betrachten, wie er mit Kreide Graphiken auf einer Schiefertafel entwarf. Aber ich muss zugeben, dass das nicht genau meinen Ideen von virtuellen Lernsituationen entsprach.

Das Lernerlebnis hatte also alles Potential, richtig schlecht herüberzukommen. Im eigenen Nachdenken und Nacherleben stellte ich aber zu meinem eigenen Erstaunen fest, dass ich das nicht wirklich schlimm, sondern eigentlich eher lustig fand. So ein Institut mit solch einem unprofessionellen Auftritt! Aber was machte es dann aus, dass meine Lernmotivation nicht kippte? Die Antwort war für mich selbst erhellend: Die Lernsituation thematisierte etwas, was ich in meiner – nicht nur beruflichen – Umwelt für sehr bedeutsam halte, und der Referent hatte eine Qualität, in einem wirklich schlechten Setting eine starke Botschaft herüberzubringen. Diese Lernsituation stellte sozusagen das Gegenteil dessen dar, was ich oft im Alltag erlebe: Hochgestochene technische und konzeptuelle Möglichkeiten einerseits und flache, zeitoptimierte, differenzfreie und bildungskonsumoptimierte Inhalte andererseits.

Von dem, was ich dort mitgenommen habe, profitiere ich noch immer und fand die Massnahme schliesslich nachhaltig wirksam, und zwar eben wegen ihrer Botschaft, weil sie mich menschlich berührte und ich sie als bedeutsam erlebte. Der Vollständigkeit halber kann ich noch sagen, dass eine meiner virtuellen Arbeitsgruppen, mit der ich seit einem Jahr arbeite, dort entstand, und dass ich mit dem Anbieter nach Abschluss eine lange Telefonkonferenz über Methoden virtuellen Lehrens hatte. Die Neuauflage des Kurses kommt jetzt medial schon anders daher. Ich hoffe, das hat die „Präsenz“ der Inhalte und Personen nicht geschmälert.

Für mich war das Nachdenken über dieses E-Learn-Erlebnis jedenfalls Anlass, die Qualität meiner eigenen Botschaften und Inhalte im E-Learning neu zu überdenken. Wo bin ich als Person und Mensch dort wie präsent und was trage ich wirklich zu den Lebenswelten meiner Lerner bei? Ich bin gespannt, was meine Studenten mir zurückmelden werden.

Andreas König (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, School of Management and Law)



3 Comments to “Mein letztes E-Learning-Erlebnis”

  1. […] Andreas König (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) berichtet von seinen vielfältigen, alltäglichen Kontakten mit E-Learning, so alltäglich, dass er von “unterschwelliger Kompetenzbildung” spricht (”Mein letztes E-Learning-Erlebnis”). […]

  2. […] wie Andreas König (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) so schön schreibt. „Yes, ich habe den kompletten Connectivism-Kurs […]

  3. […] Andreas König (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) berichtet von seinen vielfältigen, alltäglichen Kontakten mit E-Learning, so alltäglich, dass er von “unterschwelliger Kompetenzbildung” spricht (”Mein letztes E-Learning-Erlebnis”). […]