Lernst Du noch – oder lebst Du schon?

5. März 2009 | By | Category: Keine Kategorie

Von Jochen Robes in bester Lehrer-Art nach meinem schönsten E-Learning-Erlebnis gefragt, fällt mir aus jüngster Zeit wenig ein. Da ich ihm aber keinen Korb geben möchte (wer weiß, was der in seinem Blog sonst über mich schreibt), nehme ich seine Aufforderung zum Anlass, mir die Frage zu stellen, die mein Institut gewöhnlich anderen Leuten stellt: Wie lernst du eigentlich? Und wenn du von keinem „echten“ E-Learning-Erlebnis berichten kannst, wie ist es dann mit dem „informellen“ Lernen am Computer, was ja im weiteren Sinne auch zum E-Learning gehört?

Wahrscheinlich unterscheide ich mich in meinem Lernverhalten nicht wesentlich von den meisten „Wissensarbeitern“, über die wir in unseren Studien so manches herausgefunden haben. Seminare besuche ich nicht mehr (auch nicht mehr als Dozent, aber das ist eine andere Geschichte), den E-Learning-Kurs über „Bilanzierung in KMU“, den ich zum Verständnis der Unterlagen meines Steuerberaters dringend bräuchte, schiebe ich auf, „bis ich die Zeit dafür habe“, ansonsten lese ich die Fachzeitschriften, die wir abonniert haben, lade mir voluminöse Dokumente auf meinen Rechner, die ich dann doch ausdrucke, wenn ich mich ernsthaft für den Inhalt interessiere, „gehe“ fünf bis zehnmal am Tag „ins Internet“, immer häufiger auch am Wochenende, um mir Informationen zu einem Begriff zu verschaffen (heute war es unter anderem „SOA“, das bei Wikipedia für meine Bedürfnisse ausreichend gut definiert wird), Hinweise auf geeignete Literatur zu finden (die ich seit neuestem online bestelle und nicht mehr bei meinem sympathischen, aber drei Kilometer entfernten Fachbuchhändler) oder auch gerne hinter Leuten her zu forschen, deren wissenschaftliche Arbeiten mir irgendwo in die Hände geraten sind. So wächst mein weitgehend ungeordnetes Wissensuniversum, meist ad hoc, aber wenn die Zeit dafür reicht, zum Beispiel an einem ruhigen Freitagnachmittag wie jetzt, auch auf Vorrat. Im Übrigen ist es ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich dieses Wissen nicht unbedingt speichern muss, weil es „einen Mausklick entfernt“ weiterhin für mich bereitsteht. Dass das in der gutenbergschen Galaxis, aus der ich stamme, noch ganz anders war, habe ich schon fast vergessen.

Jetzt noch ein Geständnis: Blogs lese ich nur, wenn sie mir per Mail zugestellt werden, in Blogs selbst zu schreiben, ist nichts für mich, ich habe den Eindruck, dass dort allzu häufig die Welt mit Erkenntnissen beglückt werden soll, die sie nicht wirklich braucht.

Lutz P. Michel (MMB Institut für Medien- und Kompetenzforschung)



2 Comments to “Lernst Du noch – oder lebst Du schon?”

  1. Mandy sagt:

    Spannend, ein Lernprofil eines „Wissensarbeiters“.
    Dennoch fällt mir auf, dass auch hier Weblogs wieder einmal sehr undifferenziert beurteilt werden. Es ist völlig in Ordnung, sich nicht um Weblogs zu kümmern, und ich möchte um Himmels Willen keinen bekehren (das tun andere 😉 … aber dennoch gibt es unterschiedliche Weblogs … in Knowledge-Blogs zum Beispiel erscheint mir der Anteil der Beglückung mit „Erkenntnissen […], die sie [die Welt] nicht wirklich braucht“ doch geringer zu sein als z.B. in privaten Blogtagebüchern 😉

  2. […] Lutz P. Michel (MMB Institut für Medien- und Kompetenzforschung) “geht” fünf bis zehnmal am Tag „ins Internet”, um Informationen zu suchen, aber vermeidet (noch?) Blogs (”Lernst Du noch – oder lebst Du schon?”). […]