Zeitreise in die Gründerjahre

3. März 2009 | By | Category: Keine Kategorie

Da lag sie also vor mir: Die Aufforderung war klar und unmissverständlich. Ich sollte unter Beweis stellen, die Regeln des Datenschutzes zu beherrschen. Indem ich ein Lernprogramm bearbeiten und einen anschließenden Test bestehen würde. Das war der erklärte Wille meines Arbeitgebers. Oder um es genauer zu sagen: Er war verpflichtet dazu mich zu verpflichten. Nun ja, da trifft es auch mal wieder dich, sagte ich mir. Einen Branchenoldie. Einen, der seit über 20 Jahren sein Geld mit eLearning verdient. Irgendwie freute ich mich. Web 2.0 und (Multi-)Medienfeuerwerk würden schon dazu beitragen, die Lernpflicht zu einem wahren Vergnügen werden zu lassen. Und Testfragen liebe ich nicht erst, seit ich mit dem Zeitmagazin um die Ecke zu denken gelernt habe. Soviel zur Vorfreude (nennen wir’s der Einfachheit halber Motivation).

Doch was danach folgte war eine Zeitreise in die Gründerzeit einer Industrie, die sich dem Aufbruch in neue Lernwelten verschrieben hatte. Aber eins nach dem anderen.

Das Login klappte. Ich schnaufte zufrieden. Um kurz darauf den Atem anzuhalten. Das Menü kannte ich. Das hatte ich Ende der 80er bereits verwendet. Mittlerweile aber eigentlich im Museum vermutet. Und das Layout? Sicherlich optimiert für eine gute Performanz im ewig lahmen Firmennetz. Aber trotzdem: Pure Schmuckgrafik aus einer der vielen namenlosen Pixelfabriken, die seit 20 Jahren keinen Blick mehr ins Internet werfen. Und der Inhalt? Eine Blättermaschine mit langweiligen Seiten, umständlich formuliert, ohne Rücksichtnahme darauf, dass der Tag meiner Einschulung mittlerweile seinen 40sten Geburtstag gefeiert hatte. Schreiberlinge der eLearning-Zunft: Es reicht nicht, Wolf Schneider bei Wikipedia nachzuschlagen! Lernt endlich ansprechend zu formulieren. Und nehmt dazu nicht den Ikea-Katalog zum Vorbild! Doch weiter: Individuelle Lernpfade: Fehlanzeige! Ohne das grüne Häkchen auf jeder Seite gab’s keinen Testzugang. Und ohne den Abschlusstest gab’s kein Zertifikat und damit eine traurig leere Personalakte. Nach einer Stunde ermüdendem Vorwärtsblättern dann endlich der Test. Ehrlich: Ich hatte nix gelernt! Ich schwör’s! Den Test hab ich dann im ersten Anlauf bestanden. Selten so doofe Fragen gelesen. Feedback? Wieder nichts. Testgütekriterien kannten die Macher offenbar auch nicht.

Das war’s! Was soll ich sagen? Es sind Programme wie diese, die für den schlechten Ruf aller Selbstlernmedien verantwortlich sind. Da rede ich mir als Berater den Mund fusselig, entwerfe den ganzen Zauber moderner Lernwelten, um meinen Kunden ein paar Freiheitsgrade für die Lernenden abzutrotzen (social semantic web, Wikis und Blogs). Um schlussendlich immer wieder auf Content wie diesen zu stoßen, der massenhaft verbreitet (und machen wir uns nix vor: es sind die gesetzlichen Anforderungen, welche dem Markt die für sein Überleben notwendigen Aufträge zuschanzen!) wird und dem lernenden Unternehmen den letzten Nerv raubt.

Nun mag die Branche zu ihrer Verteidigung vorbringen, dass man nur das bekommt, was man beauftragt. Wenn die Unternehmen kein Geld in die Hand nehmen, sind die Resultate nun mal so wie das von mir „erlittene“ Lernprogramm. Stimmt! Aber wie wäre es mit Mindeststandards, hinter die kein Lernprogramm mehr fallen sollte? Im Range einer gültigen Norm würden sich dann vielleicht diejenigen Unternehmen schämen, die sich unter der Ladentheke in der Schmuddelkiste bedienen.

Nachwort: Ein junger Kollege, dem ich von meinem Frust berichtete, klärte mich auf: Es zirkuliert im Firmennetz ein Braindump, der beschreibt, wie man das Programm knackt und direkt zu Abschlusstest gelangt. Die Musterlösungen sind natürlich beigefügt. So ist sie, die Web 2.0-Generation. Und das ist gut so.

Horst-Dieter Bruhn (Kienbaum Management Consultants GmbH)



7 Comments to “Zeitreise in die Gründerjahre”

  1. […] E-Learning-Erlebnis” gestellt haben. Die Antworten sind interessant und unterhaltsam (z.B. “Zeitreise in die Gründerjahre”). Aber das nur am […]

  2. […] dass der Tag meiner Einschulung mittlerweile seinen 40sten Geburtstag gefeiert hatte”, schreibt Horst-Dieter Bruhn (Kienbaum Management Consultants GmbH). Viele haben hier applaudiert. „Ich […]

  3. […] der Datrenschutzregeln lernen muss, hat Horst-Dieter Bruhn (Kienbaum-Consultant) sehr lustig hier […]

  4. […] Zeitreise in die Gründerjahre – WissensWertHorst-Dieter Bruhn gibt einen amüsanten-erschreckenden Einblick in sein schönstes eLearning-Erlebnis, bezugnehmend auf den aktuellen Blog Carnival initiiert von Andrea Back und Jochen Robes. […]

  5. Stefan Beig sagt:

    Als ein „Schreiberling der eLearning-Zunft“ muss ich dazu natürlich auch einige Worte verlieren. 😉

    Zuerst: nach meinen Erfahrungen stimmt Ihre Einschätzung leider nur allzu oft.

    Nur liegen die Gründe aus meiner Sicht nicht (nur) bei der eLearning-Zunft, sondern bei den Unternehmen selbst.

    Es ist ja so, dass bei den Unternehmen in der Regel (vor allem bei den Rechtsthemen – wie halt auch beim Datenschutz) eine Fachabteilung für die Inhalte verantwortlich ist.
    Diese ist meistens sehr bemüht, das eLearning vor allem fachlich „einwandfrei“ und rechtlich „wasserdicht“ zu gestalten. Dies führt nur leider sehr oft dazu, dass die Texte – nun sagen wir – etwas trocken werden.

    Darüber hinaus hat die Human Resources Abteilung (oder die zuständige Weiterbildung- bzw. eLearning-Abteilung) auch meistens noch genau Vorstellungen, bzw. Unternehmensstandards, wie eLearning auszusehen hat.

    Dies führt insgesamt dazu, dass der eLearning-Anbieter, bzw. der Autor meist nur sehr wenige Freiheitsgrade bei der Gestaltung des Drehbuchs und bei der Produktion hat (wenn ich daran denke, wie oft auch die allerkleinsten Auflockerungen oder Witze gestrichen wurden …).

    Nach meiner Erfahrung ist es oft ein Kampf gegen Windmühlen, sowohl textlich, als auch konzeptionell, mal jenseits der festgelegten Wege zu gehen.

    Ich versuche auch meinen Kunden Ihren beschriebenen „Zauber moderner Lernwelten“ nahezubringen. Und stoße damit sogar oftmals auch offene Ohren. Doch bei der Umsetzung führen dann alteingesessene Gewohnheiten, gewisse Standards oder fehlender Mut leider auch mal zu den von Ihnen geschilderten Ergebnissen.

    Doch ich persönlich gebe nicht auf, diesen „Zauber moderner Lernwelten“ trotzdem unermüdlich zu propagieren. Und ich denke, so langsam bewegt sich was …

  6. Jochen Heins sagt:

    Wie schön die Welt doch ist – es gibt Sie ja noch, die Menschen, die einem direkt aus dem Herzen zu sprechen scheinen!

    Super – Klasse – Danke!

    Meine Erfahrung: Systeme sind schwerer zu ändern, als man glaubt, da man meistens nur die „Symptome“ sieht (und daher naheliegend dort auch die Probleme vermutet. Die oft tieferliegenden wirklich bestimmenden Themen sind erst nach weiterer Analyse zugänglich – das sind dann nicht immer die eThemen … leider. Aber nur hier kann ein Hebel wirkungsvoll angesetzt werden, alles andere ist Wasserträgertum beim Großbrand. Ob eine Norm ausreicht? Schön – wär’s, aber sicher kann ich nicht sein – denn ich kenne das (die) Kernproblem(e) nicht (wirklich).

    Das denkt sich im stillen Bürokämmerlein mit Weitblick aus dem Elfenbeinturm

    JH1

  7. […] Horst-Dieter Bruhn (Kienbaum Management Consultants GmbH) hoffte auf ein “(Multi-)Medienfeuerwerk” und wurde bitter enttäuscht (”Zeitreise in die Gründerzeit”). […]