Ausgabe 3: Ist die Unternehmens-Arbeitspraxis ein Kulturschock für die Net Generation? (Apr09)

30. April 2009 | By | Category: 03 Arbeitswelt Schock für NetGen? (Apr09), Ausgaben

Editorial

Don Tapscott berichtet in seinem aktuellen Buch „Grown up Digital, 2009″ von den Ergebnissen aus über fünftausend Interviews mit sogenannten «Net Geners». Ein Kapitel befasst sich mit: The Net Generation in the Workforce. Die Diskussion dieses Themas bekommt neue Datengrundlagen und ist lebendig, auch wenn Studien belegt haben, dass es die «Digital Natives» mit den Zuschreibungen, die der Begriff suggeriert, nicht gibt. In 2007 stellte z.B. Jeanne C Meister fest: „The newest generation of employees to join the workforce is vastly different from any generation to come before it.“ Sie meint: „They will have a profound impact as they enter corporations“.

Einschätzungen wie diese und die allgemeine Diskussion zu einer Generation, die nie ein Leben ohne Internet kennen gelernt haben, führen zu der Frage unseres 3. WissensWert Blog Carnival: Kulturschock Unternehmenspraxis? Was passiert, wenn die Net Generation auf die Arbeitswelt trifft?

Die elf Beiträge lesen sich teilweise, als hätte man in ein Bienennest gestochen: Begriffe schwirren einem vor Augen, etwa Digital Immigrants (bei Tobias Illig und Martin Lindner), Gadget-Generation (im Beitrag von Luka Peters), Young Digital High Potentials (im Beitrag von Lore Ress) und Digital Naives (nach Bendel eine von Kollege Beat Döbeli verwendete Bezeichnung); es ist von Zwischenwelten und Parallelwelten in der Arbeitspraxis die Rede, von „stony ground“ als „fertile soil“ (Beitrag von Martin Raske). Inmitten der berechtigten Aufregung über Hypes, das Ausrufen von Generationen, und irreführende Begrifflichkeiten fliesst dann reichlich der Honig an Erfahrungen, Erkenntnissen, Verweisen und Fragen all derer, die zur Diskussion beigetragen haben. Die Leküre im Original sei sehr empfohlen, auch wenn das Editorial eine Zusammenfassung wagt.

Zum einen die Word Cloud als visuelle Zusammenfassung (diese ist aus allen Texten erstellt, und das ging recht einfach mit wordle.net).

Zum anderen auf die Fragestellung vielleicht eine so zusammengefasste Antwort: Kein Schock, aber eine Chance! Und zwar für beide Seiten, sowohl für die Unternehmen, als auch die so genannte Net Generation. Denn diese muss sehr viel differenzierter betrachtet werden, als dies allzu oft und allzu plakativ geschieht. Sicherlich gibt es diejenigen, auf die die Beschreibung einer Net Generation zutrifft, aber nicht alle die dieser Generation zugerechnet werden, sind auch in der Lage kompetent und kritisch mit den digitalen Medien umzugehen. Auf der anderen Seite gibt es die „alten“ Digital Natives, „Silver Surfer“, „Early Adopter“ und „Digital Grufties“, wie sich viele der Autoren dieses Carnivals selbst beschreiben, die vom Alter her nicht dieser Generation zuzurechnen sind, aber dennoch viele der Charakteristika aufweisen, die den Digital Natives zugeschrieben werden. Die Erfahrung, etwas anderes als das Internet kennengelernt zu haben, bietet dabei auch (eher) die Chance des Vergleichs, was insgesamt zu einer sehr differenzierten Betrachtung der Kulturschock-Hypothese geführt hat.

Ohne Frage ist wohl, dass die Nutzung neuer Technologien neue Fragen für Unternehmen aufwirft. Dies ist dabei nicht unbedingt an eine neue Generation geknüpft, auch wenn diese vielleicht verstärkt Nutzungsgewohnheiten aus dem privaten Bereich mit in die Unternehmen bringt. Dies wirft dann die Frage auf, welcher Mehrwert, aber auch welche Gefahren mit der Nutzung verbunden sind und wie als Konsequenz damit umzugehen ist. Auf der einen Seite können die Vorteile einer informellen Kommunikation im Web 2.0 durch allzuviel Reglementierung leicht verloren gehen. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie viel Informalität und individuelle Freiheit in einem gewinnorientierten Unternehmen möglich sind. Debatten um die Entgrenzung von Arbeit und Privatleben spielen in diese Diskussion ebenso hinein, wie die zum Spannungsverhältnis von Ökonomie und Bildung.

Die Beantwortung dieser Frage hängt eng mit der individuellen (Unternehmens)Kultur zusammen, die auch für die Fragestellung dieses Blog Carnival zentral war. Freiheit und Kontrolle sind die Antagonisten, die in diesem Kontext immer wieder ins Feld geführt werden und unmittelbar mit dem Vertrauen zwischen Management und Mitarbeiter zusammenhängen. Damit sind sehr grundlegende Themen angesprochen und so sind die „Irritationen“ (auf Seiten der Digital Natives als auch der Unternehmen), die mit der angesprochen Diskussion entstehen, auch gut nachzuvollziehen.

Die wesentliche Herausforderung besteht daher darin, sich diesem Prozess der Auseinandersetzung ohne Vorurteile zu stellen, um daraus persönlich wie für das Unternehmen zu lernen. Die Diskussion muss also nicht nur als dem Blickwinkel der Digital Natives geführt werden, sondern auch aus dem Blickwinkel der „Alten mit ihrer Lebenserfahrung“ um so zu einer neuen (?) (Unternehmens)Kultur und einen Umgang mit den neuen Technologien zu kommen, die den Bedürfnissen und Anforderungen einer modernen Arbeitswelt gerecht werden.

Vielen Dank an alle Autoren des 3. Blog Carnival und viel Spass beim Lesen der Beiträge.

Andrea Back und Matthias Rohs

Beiträge

  • Für Andrea Rohrberg von Synexa Consult sind Irritationen das Ergebnis des Aufeinandertreffens von „lichtschnelle Bits gewöhnte Eingeborene“ und „erfahrungsschwangeren face-to-face Netzwerkern“. Um diese fruchtbar zu nutzen, ist jedoch von beiden Seiten viel Geduld notwendig.
  • „Bleiben wir realisitisch“ empfiehlt Tobias Illig in seinem Blogbeitrag „Wie DNAs Organisationen verändern„. Die Digital Natives werden Innovationen in die Unternehmen bringen, aber die „Alten“ mit ihrer Lebenserfahrung und ihrer Vorbildfunktion sind dennoch unverzichtbar. Beides zusammenzubringen, darin besteht die wesentliche Herausforderung.
  • An der Reflexion auf die eigene Mediensozialistion lässt uns Martin Raske teilnehmen. Vieles davon kommt sicherlich dem einen oder anderen Leser bekannt vor. Irgendwie hat man sich immer mit „neuen“ Medien beschäftigt, aber gehört man deshalb zur Net Generation? Raske stellt sich (und uns) daher die Frage, ob „NetGen“ nicht eher eine Einstellung ist.
  • Kein Kulturschock mit der Gadget Generation“ betitelt Luka Peters seinen Beitrag zum 3. Blogcarnival. Nach seinen Erfahrungen mit Studierenden gibt es keine Generation von „Experten der neueren Web Technologien“ und damit auch keinen „Kulturschock“.
  • Ein Digital Native, Thomas Walter, sieht den Kulturschock noch weit entfernt. Die jüngeren Web-Medien bringen nach seinem Erfahrungsbericht bei der Ausübung der Stelle bei einem klassisch-traditionellen Unternehmen mit klassisch-traditionellen Kunden keinen Mehrwert.
  • Der Gründer eines Web-Start-up bringt im Video-Interview mit Andrea Back zum Ausdruck, dass durch Plattformen wie Facebook gerade viel passiert und neue Kommunikationsgewohnheiten von unten in die Unternehmen getragen werden. So mancher CIO wird sich bald fragen «Bin ich noch Herr des Hauses?».
  • Drei Thesen zum „Culture Clash“ formuliert Ulrike Reinhard in ihrem Beitrag zum Blog Carnival. Sie geht u. a. davon aus, dass es erst zu Veränderungen in den Unternehmen kommen wird, wenn die mit den neuen „Techniken“ der Digital Natives verbundenen Werten in der Unternehmenskultur verankert sind.
  • Mit einem kritischen Beitrag begleitet Oliver Bendel den Blog Carnival. Als Digital Native der ersten Stunde sieht er zwar keinen Generationenkonflikt, aber viel Naivität bei der so genannten Net Generation, die in der „gigantische Geld- und Datenmaschine“ des Web 2.0 zappelt. Unternehmen sollten prüfen, inwiefern ihnen Web 2.0-Technologen nutzen, aber nicht ihre Kultur ändern.
  • Heiner kommentiert unsere Fragen mit seine Erfahrungen als Digital Native in einem Unternehmen. Dabei bestätigt er Konfliktlinien zwischen DNA und Management, zeigt aber auch, dass Veränderungen möglich sind.
  • Martin Lindner findet in seinem Beitrag sowohl Argumente für die Existenz von Digital Natives, als auch dagegen. In jedem Fall sind die Veränderungen in der Unternehmenswelt eher (oder zumindest auch) den Medien an sich zuzuschreiben, als einer Generation. Klare Antworten gibt es wohl nicht in einer Zeit wo „Das alte Betriebssystem im Kopf (…) nicht mehr installiert, und das neue Betriebssystem (”Web as a Platform”) ist noch nicht richtig im Laufen.“ ist.
  • Quasi schon aus Vorahnung dieser Ausgabe schrieb Lore Reß in ihrem Blog zur ORT-Session “Enterprise 2.0 – Die Potenziale von Social Software für die Lernprozesse in Unternehmen” und fordert auf doch lieber von Digital Literates zu sprechen – und das sind keineswegs nur die Young Digital High Potentials.

Call

Einladung zu Beiträgen für die 3. Ausgabe des WissensWert Blog Carnival
Ist die Unternehmensarbeitspraxis ein Kulturschock für die Net Generation?

Mit Begriffen wie Net Generation und Digital Natives wird auch ein Generationenkonflikt thematisiert (Lehrer/innen und Schüler/innen, Dozierende und Studierende). Während die junge Generation mit den digitalen Medien aufgewachsen ist und zumindest ein Teil von ihnen diese in ihren verschiedenen Formen selbstverständlich nutzen, ist dies bei der älteren Generation weniger stark ausgeprägt. Gleichzeitig wird der Net Generation zugeschrieben, dass sie eher kooperativ arbeiten, offener eigene Erfahrungen kommunizieren und extensiv Technologien zur Vernetzung nutzen. Welche Folgen hat das für die Unternehmen? Welche Anforderungen bringen die Digital Natives mit in die Unternehmenswelt und wie werden die Unternehmen darauf reagieren? Welche Chancen bietet diese Generation für die Unternehmen und gibt es vielleicht auch Risiken? Gibt es (auch) einen Generationen- oder Kulturkonflikt zwischen den Vorgesetzten/älteren Arbeitnehmern und den Berufseinsteigern? Oder gibt es die Net Generation vielleicht gar nicht?

Thema der 3. Ausgabe des Blog Carnivals ist: Kulturschock Unternehmenspraxis? Was passiert, wenn die Net Generation auf die Arbeitswelt trifft?

— english version —

Terms such as Net Generation and Digital Natives also bring up generational conflict as a topic for discussion. While the recent generation grew up with digital media, the older generation is mostly seen as less familiar with them. At the same time, working more collaboratively, communicating one’s own experiences more openly, and using technology more extensively for networking are attributes used to describe the Net Generation.
Which consequences do these habits bring about for enterprises? Which requirements do Digital Natives bring into the enterprise world and how will enterprises respond to it? What chances and risks for enterprises are connected to this generation? Is there (also) a generation or a cultural conflict between the superiors/older employees and the entrants? Or isn’t there a Net Generation at all?

Topic of the 3rd issue of WissensWert Blog Carnival: „Culture Shock Corporate Workplace? What happens when the Net Generation hits the workplace?“

— end —

Fühlen Sie sich als Teil der Net Generation und haben positive wie negative Erfahrungen in Unternehmen gemacht oder sind mit Personalverantwortung (oder in Recruitung, HR oder IT) in Unternehmen tätig und haben Erfahrungen mit den Digital Natives gesammelt? Dann lassen Sie uns daran teilhaben. Machen Sie mit bei der dritten Ausgabe des Blog Carnival auf dem WissensWert und 2headz Blog.

Gastgeber der dritten Ausgabe des WissensWert Blog Carnival sind Matthias Rohs und Andrea Back.



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