Qualitative Hürden bei der Produktion von videobasierten Lehrmitteln im Anwendungsfall

28. April 2010 | By | Category: Keine Kategorie

Von Mathias Weis

Ein Beitrag zu „WissensWert“ – dem Blog Carnival über Enterprise 2.0, Knowledge Management und E-Learning von Prof. Dr. Andrea Back
Kommunizieren – Lehren – Lernen: Was machen Sie mit Web-Videos?

Die Produktion von hochwertigem Videomaterial ist bekannt als ein aufwändiges Unterfangen, sie vereinnahmt ein hohes Maß an Zeit, Personen und Technik. In Zeiten nutzergenerierter Webinhalte und Videos stellt sich die Frage, in welchen Fällen im E-Learning-Bereich die Qualitätskriterien professionell produzierter Videos entscheidend für den Lernerfolg sind.

Dazu ein Anwendungsfall: Im Online-Studiengang Master Palliative Care an der Universität Freiburg möchten wir die Lernenden an geeigneten Stellen mit videobasierten Lehrmitteln unterstützen.

Für die geschützte Online-Lernplattform werden u.a. Webvideos produziert, welche Positivbeispiele und Negativbeispiele für die Bewältigung schwieriger Gesprächssituationen in Patientengesprächen, z.B. beim Überbringen schlechter Nachrichten, veranschaulichen. Die Produktion der Videos ist als semiprofessionelle Variante geplant: Das Drehbuch für das Patientengespräch wird gemeinsam von einem Dozenten und einem Produzenten entworfen, die Rollen mit einem (Schauspiel-)Arzt und einem (Schauspiel-)Patient besetzt. Weiterhin wird ein Drehort mit möglichst authentischem Ambiente gewählt. Die technische Ausstattung zum Drehtermin beläuft sich auf zwei hochwertige Consumer-Camcorder, ein Videostativ mit Fluidkopf, externe Mikrofone sowie Monitoring-Kopfhörer und zusätzliche Beleuchtung mit den notwendigen Filtern. Die Szenen werden unter Regie aufgenommen und wenn nötig wiederholt aufgezeichnet. Die Postproduktion findet an speziell dafür eingerichteten Arbeitsplätzen mit entsprechenden Monitoring-Möglichkeiten statt.

Die Produktion der Patientengespräche durch die Lernenden könnte sich dagegen im Rahmen einer Videografie in dieser Gestalt abspielen: Teilnehmer eines Seminars kommen zusammen, um Patientengespräche zu üben. Für die Aufnahme steht ein durchschnittlicher Consumer-Camcorder und ein einfaches Stativ zur Verfügung. Einige Seminarteilnehmer erklären sich bereit, ihr Übungsgespräch aufzeichnen zu lassen. Nach kurzer Vorbereitung beginnen die Darsteller mit dem Patientengespräch und werden dabei live gefilmt. Nach kurzer Bearbeitung und Formatkonvertierung steht das fertige Video bereit.

Aus den beiden Abläufen lassen sich bereits große Unterschiede in der Qualität des entstehenden Videos erahnen:

Drehbuch und Darsteller

In der semiprofessionellen Version wird bereits bei der Drehbucherstellung auf das Vorkommen der für das Lernziel elementaren Gesprächsverläufe geachtet. Mit Drehbuch und erfahrenen (Schauspiel-)Ärzten lässt sich gezielt eine ausgewogene Mischung von Positivbeispielen und Negativbeispielen für die Bewältigung schwieriger Gesprächssituationen in Patientengesprächen verwirklichen.

Die nutzergenerierte Version hingegen findet eher improvisiert statt, es entstehen oft sehr spezielle Situationen, das kreative Potential ist höher. Die Situation eines Patientengespräches, vor allem beim Überbringen schlechter Nachrichten, ist für Ärzte oft selbst schwierig zu bewältigen. Der große Vorteil der während der Seminarübung aufgenommenen Videos besteht darin, dass die Lernenden ihr eigenes Verhalten über die Videoaufnahme direkt reflektieren können.

Perspektive und Bildgestaltung

Mit zwei Kameras lassen sich sowohl die Patienten- als auch die Arztperspektive des Geschehens aufnehmen, mit Hilfe des vorher entworfenen Storyboards und des höherwertigen Stativs können außerdem Kameraschwenks und Zoomfahrten gezielt eingesetzt werden. Die für das hier skizzierte Lernszenario elementar wichtige Mimik und Gestik kann in vollem Umfang festgehalten werden.

In der nutzergenerierten Variante steht nur eine Kamera zur Verfügung, das Gespräch kann daher ohne Wackler und Aussetzer nur aus einer starren Perspektive aufgezeichnet werden. Dabei bleibt die Beobachterperspektive von der Seite die einzige Möglichkeit während der Aufnahme fortlaufend sowohl Arzt als auch Patient im Bild zu erfassen. Die Sichtbarkeit der Gestik wird eingeschränkt, die Mimik ist nur noch in Grundzügen erkennbar.

Ton und Beleuchtung

In der semiprofessionellen Produktion wird ein Raum mit günstigen akustischen Eigenschaften gewählt, die Mikrofonierung findet nah an den Sprechern statt. Eine authentische und verständliche Sprache sind das Ergebnis. Mit Hilfe zusätzlicher Lichtquellen werden die Darsteller gut ausgeleuchtet und Gestik und Mimik deutlich sichtbar.

Ohne zusätzliche externe Mikrofone verzeichnet die Tonqualität der nutzergenerierten Variante deutliche Abstriche. Die Entfernung des Camcorders und damit des Mikrofons zu den Sprechern steigert die Distanz zur Situation und verschafft Stör- und Nachhalleinflüssen merkbar Gehör, die bedingte Audioqualität der internen Mikrofone von Consumer-Camcordern steuert ihr übriges zu einem schlechten Ton und minderwertiger Sprachqualität bei. Die über die Sprache transportierten Emotionen können auf diese Weise nicht in vollem Umfang vermittelt werden. Auch in der Beleuchtung zeigt die zweite Variante Nachteile. Durch die Mischung des Kunstlichts der Seminarraumbeleuchtung mit dem Tageslicht der Fenster bekommt das Bild einen Farbstich. Bei falscher Platzierung der Gesprächsbeteiligten zu den Lichtquellen wird die, durch die Perspektive bereits erheblich eingeschränkte Gestik und Mimik noch undeutlicher sichtbar.

Zeitlicher und finanzieller Aufwand

Hier liegt die nutzergenerierte Variante deutlich im Vorteil, die Produktion findet im Rahmen des üblichen Lehrbetriebs statt und ist mit einem Aufwand von wenigen Stunden abgeschlossen, während sich die semiprofessionelle Produktion mit dem Verfassen des Drehbuchs, der Vorbereitung von Technik, Personal und Drehort, der Mehrfachaufnahme von Szenen zum Drehtermin und der Postproduktion über mehrere Tage erstreckt und die Kosten um ein Vielfaches höher sind. Im Ausgleich zum Aufwand steht jedoch die Nachhaltigkeit der semiprofessionell produzierten Videos. Mit dem Einverständnis der Darsteller können diese Lehrmittel langfristig archiviert und ohne jeden Mehraufwand wiederverwendet werden.

Fazit

Aufwand, Resultat und Nutzen beider Varianten befinden sich in völlig verschiedenen Dimensionen. Während die nutzergenerierte Version für eine grobe Selbstreflexion im Rahmen einer Videografie oder als Ideengeber für das Drehbuch einer professionelleren Version durchaus seinen Nutzen hat, liefert die zweite Variante ein für die Lehre nützliches und langfristig wiederverwendbares Ergebnis. Mit besserer technischer Ausstattung, einer Einweisung in die Grundregeln der Videoproduktion und einer versierten Begleitung bei der Produktion lassen sich die Resultate der nutzergenerierten Variante verbessern, da zeitlicher und finanzieller Aufwand in diesem Fall jedoch auch wesentlich höher sein werden, sollte die Videoproduktion selbst dann auf jeden Fall Teil des Lehrziels sein.

Der Autor Mathias Weis begleitet als Dipl.-Ing. für Medientechnologie die Medienproduktion im Online-Studiengang Master Palliative Care an der Universität Freiburg ( http://www.palliativecare.uni-freiburg.de)



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