Warum fragt niemand nach Präsenzlernen 2.0?

28. März 2009 | By | Category: Keine Kategorie

Mein letztes E-Learning Erlebnis ist kein zeitlich begrenztes, sondern bezieht sich auf meine laufende Tätigkeit in der Schnittstelle zwischen Produktion und Anbieten von neuen Lehr- bzw. Lernmedien. Ich beginne mit einer Frage, die ich mir selbst stellen muss: wie lange sind neue Medien, eigentlich neu? Gemessen an der Zeit, die andere Lernformen existieren, muss wohl „neu“ ein Attribut sein, welches noch einige Jahrzehnte dem Lernen mit dem Medium Computer und Internet/Intranet vorangestellt bleibt. Ich bin gespannt, welche Versionsnummer das Web besitzt, wenn ich mich irgendwann Mitte des 21.Jahrhunderts ausschließlich auf meine Orchideenzucht konzentrieren werde.

Letztlich kann man alles auf das Lernen an sich reduzieren, ob jetzt digital, präsent, virtuell, unterbewusst oder sonst wie. Lernen tut jeder und zwar lebenslang, die letzte Lektion lernen wir, wenn wir erfahren, wie man stirbt und eventuell, was danach kommt. Diese Lektion lernen wir ohne digitale Medien. Auf dem Weg dorthin – für die einen ist er lang, für die anderen zu kurz – können wir mit ganz unterschiedlichen Mitteln lernen.

Nach einigen Erfahrungen (die letzte war ein hochgelobtes Präsenz-Streßmanagement Seminar) muss ich sagen, dass ich bildungsmüde geworden bin. Ein Präsenzseminar ist nicht zwangsläufig die bessere Lernform, den Inhalt des Seminar hätte ich auch in einem pragmatischen Klicktunnel in einer halben Stunden mit anschließenden selbstgesteuerten, Sebsterfahrungen effektiver, effizienter und ökonomischer lernen können. Meinetwegen auch ökologischer, weil die Referentin nicht mit dem Auto von Köln nach Dortmund hätte fahren müssen.

Für mich steht beim Lernen das Selbst im Vordergrund. Meine 10jährige Tochter steigt im Moment in die deutsche Grammatik ein. Da ich diesen Teil meiner Schulzeit gerne vergesse und das Grammatik-Gen definitiv meinem Bruder zuschreiben muss (da blieb wohl nix mehr für mich übrig), bin ich froh, wenn mir das Web 2.0 die Möglichkeit bietet, zeitnah, on demand an Informationen über Diphtonge, Gerundien oder ähnliches zu kommen. So lerne ich nämlich: wenn ich es brauche – wenn mich etwas wirklich brennend interessiert, meinetwegen auch auf Vorrat. Vielleicht ist das so, weil ich wie Anne Weiss und Stefan Bonner zur Generation Doof gehöre und nicht, wie mein Vater, Vergleiche zwischen meinem Hund und Heinrich IV. ziehen kann, wenn erstgenannter unterwürfig seinen Kopf zwischen den Beinen meines Vaters versteckt. In solchen Situationen wäre ich sehr dankbar, wenn ich immer und unerkannt googlen oder wikipedien könnte, um meine Physiognomie nicht für meine Dummheit sprechen lassen zu müssen.

Wikipedia und Google gab es übrigens im Web 1.0 auch schon, Lernplattformen, Chats und Foren ebenfalls. Das Internet ist das Alte geblieben. Und E-Learning ist in meinen Augen nach wie vor ein gutes Angebot, viele Lerner ökonomisch zu erreichen und Lerner mit Wissen zu versorgen, die sich anders sonst nicht bilden könnten.

Warum wird eigentlich nie die Forderung nach Präsenzlernen 2.0 gestellt? Warum funktioniert Präsenzlernen so wunderbar und hat eine so breite Lobby, obwohl die Qualität dieser Lernform oft zu wünschen übrig lässt? Warum wird über den Mangel an Qualität, Effekt und Nachhaltigkeit von E-Learning und Web 2.0 diskutiert und auf der anderen Seite über BildungsURLAUB für Präsenzseminare gesprochen? Meines Erachtens ist die Motivation entscheidend. Intrinsisch motiviert lerne ich, ob präsent oder digital. Extrinsisch motiviert sitze ich in einer Präsenzveranstaltung und lasse Wind durch meine mentale Steppe wehen – aus Mangel an Bewuchs bleibt nichts hängen 😉

Christian Böhler (RWE Service GmbH)



2 Comments to “Warum fragt niemand nach Präsenzlernen 2.0?”

  1. Wie wahr, wie wahr… sarkastisch – doch ganz so dunkel muss es nicht kommen – bis zum WEB und E-Learning 10.0 ?

  2. […] Christian Böhler (RWE Service GmbH) ist überzeugt, dass letztlich die richtige Motivation über erfolgreiches Lernen entscheidet (”Warum fragt niemand nach Präsenzlernen 2.0?”). […]